Im Morgengrauen

    Marc Raabe

    Das Cover lügt nicht: Knallgelb, fast aggressiv, eine Eulensilhouette die sich in einen düsteren Winterwald auflöst. Kein dezentes Literaturcover – ein Versprechen. Raabe will nicht sanft abholen. Er will sofort packen. Und genau so hört es sich auch an.

    Berlin im Winter, ein verschwundener Bundeskanzler, eine junge Frau die unter dem Namen KassyX Videos ins Netz stellt – und mittendrin Art Mayer, der wie immer mehr weiß als er sagt, und weniger kontrolliert ist als er vorgibt. Raabe arbeitet mit zwei Erzählsträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben wollen, und am Ende mit einer Präzision ineinandergreifen, die man bei ihm schon kennt – und trotzdem jedes Mal wieder schätzt. Das ist kein Trick, das ist Handwerk.

    Raabe zeigt uns zuerst die Konsequenz – und lässt uns nicht mehr los, bis wir den Anfang verstehen.

    Was mich besonders überrascht hat: KassyX. Diese Figur ist frisch und zeitgemäß, ohne je wie eine Imitation zu wirken. Raabes Video-Monologe treffen den Ton dieser Generation exakt – direkt, selbstbewusst, mit einem Unterton von etwas, das man erst später als Angst erkennt. Daneben steht die Frühstücksszene mit dem kleinen Mädchen Milla, die in wenigen Seiten mehr Menschlichkeit transportiert als mancher Roman auf dreihundert.

    Raabe weiß, wie man Figuren atmen lässt – auch wenn er sie gleich danach wieder in den nächsten Abgrund schickt.

    Für das Hörbuch wurde eine kluge Entscheidung getroffen: Pia Rhona Saxe liest die KassyX-Szenen, Peter Lontzek den Rest. Die Trennung ist konsequent – kein gemeinsamer Dialog, kein Ineinandergreifen – und das funktioniert gut, weil beide Sprecher eine klar unterschiedliche Energie mitbringen. Lontzek trägt den Hauptteil mit einer Stimmfarbe, die zu Raabes Tempo passt: präzise, mit Zug, ohne zu hetzen. Er differenziert zwischen Erzähler und Figuren hörbar, und in den Verhörszenen – etwa wenn Art Mayer festgenommen wird – arbeitet er subtil mit Lautstärke und Rhythmus, ohne ins Theatralische zu kippen. Dass man gelegentlich sein schnelles Luftholen hört, stört nicht – es wirkt fast wie ein bewusstes Stilmittel, das die Dringlichkeit der Szenen unterstreicht. Saxe bringt eine angenehme, jüngere Stimmfarbe mit, die gut zu KassyX passt. Sie variiert Betonung und Stimmlage überzeugend, besonders wenn KassyX direkt in die Kamera – oder hier: ins Mikrofon – spricht. In diesen Momenten, wenn die Figur ihr imaginäres Publikum adressiert, verändert sich etwas in Saxes Lesart, eine andere Ansprechhaltung, die für ein Video stimmig wäre, im reinen Hören aber manchmal eine kleine Distanz erzeugt. Das ist eine Nuance, kein Makel – und in den ruhigeren, privateren Momenten der Figur ist sie vollständig überzeugend. Insgesamt ist es ein stimmiges Duo. Saxe ist etwas langsamer im Grundtempo, Lontzek hat mehr Zug – aber das spiegelt die Figuren wider, nicht eine Schwäche der Umsetzung.

    Wer die Art-Mayer-Reihe kennt, wird auch die Entwicklung von Milla schätzen: Sie wird älter, die Dynamik zwischen ihr und Art verändert sich, und Raabe arbeitet das behutsam ein, ohne es zu erklären. Auch Leo, die wir in diesem Band deutlich näher kennenlernen, und der Geschichte eine eigene emotionale Färbung gibt, ist ein durchdachter Charakter mit Tiefe und Geschichte. Dazu kommen, wie für die Reihe typisch, Geheimnisse aus der Vergangenheit, die langsam ans Licht drängen – Raabe versteht es, diese Fäden nie ganz zu lösen, sondern immer nur ein Stück weiterzuspinnen. Mit vier Bänden hat er sich als einer der verlässlichsten deutschen Thriller-Autoren der Gegenwart etabliert: jedes Buch eigenständig lesbar, aber mit einer Tiefe, die nur entsteht, wenn man von Anfang an dabei ist.

    Empfehlung: Wer Thriller mag, die Tempo mit psychologischer Tiefe verbinden, ist hier richtig. Wer die Reihe noch nicht kennt, kann mit Band 4 einsteigen – wer sie kennt, wird sowieso nicht widerstehen können. Und wer Hörbücher schätzt, bekommt mit Lontzek und Saxe eine Produktion, die dem Stoff vollauf gerecht wird.